Anderson & Sheppard
Anderson & Sheppard
Es gibt auf der Savile Row Schneider, die Anzüge bauen wie Kathedralen: mit Schulterpolsterung als Gewölbe, mit Konstruktion als Aussage, mit Struktur als Macht. Und es gibt Anderson & Sheppard. Das Haus, das seit 1906 beweist, dass die größte Eleganz diejenige ist, die man nicht sieht. Deren Anzug man trägt, ohne ihn zu tragen. Deren Jacke auf dem Rücken bleibt, wenn man tanzt.
Anderson & Sheppard: Ein Schwede, ein Holländer und eine Revolution
Um Anderson & Sheppard zu verstehen, muss man Frederick Scholte verstehen. Scholte war Holländer, arbeitete zu Beginn des 20. Jahrhunderts in London und hatte eine Überzeugung, die ihm auf der Savile Row den Ruf eines Renegaten einbrachte: dass der englische Maßanzug falsch war. Nicht falsch im handwerklichen Sinne – die Qualität war unbestreitbar – sondern falsch in seiner Grundannahme. Der viktorianische Schnitt, von militärischer Strenge geprägt, hatte den Körper des Trägers als Problem begriffen, das es zu disziplinieren galt: breite Schulterpolster, ein konstruierter Brustkorb, eine eingezogene Taille. Der Anzug stand, auch wenn sein Träger saß.
Scholte dachte das Gegenteil. Er schnitt seine Jacken mit Überschuss durch Brust und oberen Rücken – so dass der Stoff nicht über den Körper gespannt wurde, sondern von den Schultern fiel. Er vertiefte die Ärmelköpfe und verkleinerte die Armlöcher, was zunächst paradox klingt: Aber das Ergebnis war, dass der Arm sich frei bewegen konnte, während der Rumpf des Jacketts an Ort und Stelle blieb. Der Träger bewegte sich; die Jacke folgte, ohne zu reißen oder zu zerren. Scholte nannte es nichts. Die Welt nannte es den English Drape.
Der junge schwedische Schneider Per Anderson arbeitete bei Scholte, lernte und verfeinerte. 1906 gründete er zusammen mit dem Hosenschneider Sydney Horatio Sheppard das Haus an der Nummer 30 der Savile Row. Und wurde damit, ironischerweise, zur Institution einer Straße, die ihn zunächst als Außenseiter betrachtete. Scholte und Anderson galten anfangs als Renegaten des Savile-Row-Schneiderhandwerks – ihr weicher, fließender Stil widersprach dem Establishment und seiner Tradition des stark strukturierten Militärschnitts.
Ihre Rettung, oder besser: ihre Legitimation, kam von höchster Stelle. Frederick Scholte zog im Jahr 1919 den Prince of Wales als Kunden an – den späteren Duke of Windsor. Der Prinz, bekannt für seinen ausgeprägten Sinn für Kleidung, hatte ein Wort für das, was er an seinem Schneider schätzte: Dress Soft. Freie Bewegung. Scholte fand in ihm eine sartoriale Seelenverwandtschaft – einen Mann, der die Steifheit von Frack und Militärkleidung satt hatte und Kleidung verlangte, in der er atmen konnte. Dass Scholte selbst neugierende Kunden mied und sich Empfehlungen verweigerte, spielte Per Anderson in die Hände: Da Scholte wenig Interesse daran hatte, neue Kunden kennenzulernen – selbst aus dem königlichen Umfeld nicht –, wandte sich die Gesellschaft stattdessen an Per Anderson. Der Rest ist Geschichte. Und ein Schnittteil, das bis heute unverändert geblieben ist.
Fred Astaire und die Probe, die kein Korsett kannte
Wenn man Kenner der Schneiderkunst fragt, welche Anekdote Anderson & Sheppard am präzisesten beschreibt, nennen die meisten dieselbe. Fred Astaire, der eleganteste Tänzer des 20. Jahrhunderts, war seit 1923 Stammkunde des Hauses. Er besuchte die Räumlichkeiten in der Savile Row nicht wie andere Kunden – er testete. Nach Savile-Row-Überlieferung tanzte Astaire durch den Anproberaum des Ateliers und beobachtete in den umliegenden Spiegeln genau, wie der Anzug auf jeden Schritt, jede Drehung, jeden Sprung reagierte. Wenn der Kragen seiner Jacke nicht bündig an seinem Hemdkragen anlag, akzeptierte er das Stück angeblich nicht.
Das ist keine sentimentale Geschichte. Es ist eine Funktionsbeschreibung. Der hohe Ärmelausschnitt des Anderson-&-Sheppard-Schnitts ermöglicht es dem Arm, sich frei zu drehen, während die Jacke an Ort und Stelle bleibt – man zerrt sie nicht beim Bewegen um den Körper. Astaire wählte das Haus nicht aus ästhetischen Gründen zuerst, sondern aus praktischen: Er brauchte einen Anzug, der mit ihm tanzte. Was er bekam, war beides.
Noel Coward, Charlie Chaplin, Rudolph Valentino, Gary Cooper, Cole Porter, George und Ira Gershwin, Laurence Olivier, Cary Grant, Pablo Picasso – die Liste jener, die durch Empfehlungen von Freunden den Weg in das Haus fanden, liest sich wie ein Register des Stils des frühen 20. Jahrhunderts. Man konnte bei Anderson & Sheppard nicht einfach hineingehen. Man benötigte eine Empfehlung eines bestehenden Kunden – eine Art Bürgschaft, die sicherstellte, dass der Neue seine Rechnungen bezahlen konnte. So verbürgte sich Noel Coward für Laurence Olivier; Douglas Fairbanks Jr. für Marlene Dietrich, die als eine der wenigen Frauen im Kundenstamm aufgenommen wurde.
Die Anatomie des English Drape: Was den Schnitt ausmacht
Der Begriff Drape ist im Schneiderhandwerk präzise definiert. Er beschreibt, wie eine Jacke von den Schultern hängt – der Grad, in dem der Stoff den Körper des Trägers umfließt, ohne ihn einzuengen. Scholte manipulierte für dieses Ergebnis mehrere Variablen gleichzeitig. Er begann mit weicheren Schultern – oft nur eine einlagige Polsterung mit etwas Wattierung, die sich mit der Zeit abbaut. Der Mantelschnitt fällt von den Schultern in eine volle Brust und findet einen subtil schmaleren Punkt an der Taille. Wie Head Cutter John Hitchcock formuliert: „Das erzeugt diese klassische Atlas-Silhouette."
Die vier Merkmale des Anderson-&-Sheppard-Drapes sind: eine unstrukturierte Schulter mit minimaler Polsterung für eine natürlichere Schulterlinie; ein hoher Ärmelausschnitt für größere Beweglichkeit; eine fließende Silhouette durch die Brust, die Komfort bietet und gleichzeitig Form behält; sowie die Betonung natürlicher Bewegung, bei der der Stoff den Konturen des Trägers folgt, anstatt ihn einzuschränken.
Was in der Theorie technisch klingt, ergibt in der Praxis etwas Erstaunliches: Einen Anzug, der den Träger in vollkommener, zwangloser Eleganz kleidet – ohne je den Eindruck zu erwecken, er habe sich Gedanken über seine Kleidung gemacht. Charles Bryant, ein früherer Geschäftsführer des Hauses, fasste den Stil in einem Satz zusammen: für Männer, die richtig aussehen wollen, ohne den Eindruck zu machen, sie hätten ihre Kleidung studiert. Das ist das Gegenteil von Anstrengung. Es ist ihr Verschwinden.
Heute sind es vor allem Merinowolle und leichte Canvases, die den Drape-Schnitt zu seiner vollen Wirkung bringen. Weil Merinowolle so weich ist, drapiert sie perfekt. Ihr hochgedrehtes Garn wirkt wie eine Feder – es hat eine natürliche Rücksprungeigenschaft, die den Schnitt unterstützt. Das Canvas, die Schicht zwischen Futter und Außenstoff, ist bei Anderson & Sheppard bewusst leicht gehalten – ein weiterer Schritt weg von der Konstruktion, hin zur Natur.
27 Maße, ein Anzug – der Prozess des Bespoke
Ein Anzug von Anderson & Sheppard beginnt nicht mit dem Stoff und nicht mit dem Gespräch über Stil. Er beginnt mit dem Körper. Head Cutter und Master Tailor Danny Hall und sein Team nehmen typischerweise 27 Maße und fügen Notizen über Haltung und körperliche Asymmetrien hinzu. Alles wird von Hand gemacht. Jeder Mensch ist asymmetrisch – eine Schulter höher als die andere, ein Arm länger, eine Hüfte leicht verdreht. Der Bespoke-Prozess ist im Wesentlichen die Aufgabe, diese Asymmetrien zu lesen und im Muster zu übersetzen, ohne sie sichtbar zu machen.
Das Muster jedes Kunden wird im Haus aufbewahrt. Die Ausstellung von Büchern mit den Maßen jedes Kunden im Laden sowie die vertrauten Gesichter des Hauspersonals bieten beruhigende Erinnerungen nicht nur an Anderson & Sheppards glanzvolle Vergangenheit, sondern auch an seine lebendige Gegenwart. Manche dieser Muster sind Jahrzehnte alt. König Charles heiratete Camilla Parker Bowles in einem dreizehn Jahre alten Anderson-&-Sheppard-Cutaway. Das sagt alles über die Haltbarkeit eines gut gemachten Anzugs – und über die Beziehung zwischen Schneider und Kunden.
Anda Rowland und das Haus im 21. Jahrhundert
Die Geschichte von Anderson & Sheppard wäre unvollständig ohne die Frau, die es gerettet hat – auch wenn sie das Wort Rettung vermutlich ablehnen würde. Roland „Tiny" Rowland, britischer Unternehmer und Hauptgeschäftsführer von Lonrho, war in den 1950ern Kunde von Anderson & Sheppard geworden. Er schätzte die Leichtigkeit der Bewegung und die diskrete Eleganz des Schnitts. Ende der 1970er Jahre investierte er in das Unternehmen, zunächst als stiller Partner, dann als Haupteigentümer. Nach seinem Tod 1998 hält die Familie Rowland 80 Prozent, der Rest liegt bei den Schneidern und Managern des Hauses.
Anda Rowland war sechs Jahre alt, als sie das Haus zum ersten Mal besuchte, begleitet von ihrem Vater. Schon damals spürte sie, dass die Savile Row einschüchternd wirkte: esoterisch, für alle außer den Eingeweihten unzugänglich. Als sie 2004 ihren Job bei Parfums Christian Dior in Paris aufgab und nach London zurückkehrte, hatte sie eine klare Agenda: Sie wollte die besten Grundlagen des Hauses – Handwerkskunst, Qualität und die Hingabe an Mobilität und weichen Drape – ins 21. Jahrhundert überführen.
Was folgte, war keine Modernisierung im Sinne von Verwässerung, sondern im Sinne von Öffnung. 2005 zog Anderson & Sheppard von der Savile Row in neue Räumlichkeiten in der 32 Old Burlington Street um – gerade 176 Yards vom früheren Standort entfernt. Das offene Design der neuen Räume erlaubte es Kunden, direkt in den Zuschneidraum zu gehen und zuzusehen, wie ihre Kleidung geschnitten wurde. Wer die Savile Row je als Festung erlebt hat, versteht, was das bedeutet.
Mit Hilfe der Pariser Designagentur Love gestaltete Rowland den Laden neu: dunkle Parkettböden, modellierte Decken, Skizzen von Jagdhunden an den Wänden, ein Marmorkamin. Ein altmodisches, clubhaftes Gefühl. Und dann, 2012, die zweite Eröffnung: die Anderson & Sheppard Haberdashery in der Clifford Street, am Ende der Savile Row. Ein anderes Konzept, ein anderer Ton.
Die Anderson & Sheppard Haberdashery: Das Haus jenseits des Anzugs
Die Anderson & Sheppard Haberdashery in der Clifford Street ist das Ergebnis einer einfachen Beobachtung. Anda Rowland erkannte, dass Kunden kein gutes Strickwaren fanden, keine Hosen für das Boot oder den Garten, keine Kleidung für den Sommer. Die Haberdashery schließt diese Lücke: mit Fertigware und Maßkonfektion in einem Umfeld, das weniger nach Bespoke-Atelier wirkt als nach dem Salon eines gut gekleideten Freundes. Kaschmirstrickwaren, Schals, Socken, Hemden, Hosen in zwölf Styles – entwickelt vom Anderson-&-Sheppard-Schneideteam, mit denselben Proportionen und derselben Logik wie die Bespoke-Arbeiten, aber ohne den Prozess und den Preis eines Maßanzugs.
Kreativdirektorin Audie Charles, die von der Haberdashery aus arbeitet, ist die Anlaufstelle für Kunden, die regelmäßig vorbeikommen – nicht unbedingt um zu kaufen, sondern um zu sprechen, zu entdecken, einzutauchen. Die Haberdashery ist auch der Ort, an dem eine neue Generation von Kunden den ersten Kontakt zum Haus findet: jüngere Menschen, die hereinkommen, um ein Halstuch, einen Kaschmirpullover oder ein Paar Socken zu kaufen – und die, so Rowland, hoffentlich künftige Kunden werden.
Was Anderson & Sheppard in der Haberdashery zeigt, ist die Konsequenz einer Haltung: dass der Anzug nicht das Ziel ist, sondern ein Mittel. Dass Qualität kein Anlass braucht. Kleidung für Königstouren, Strandtrauungen in Sizilien, Ringside-Plätze bei Box-WM-Kämpfen, Abende in der Hemingway-Bar in Paris – Anderson & Sheppard macht Kleidung zum Ausgehen. Zum Leben.
Anderson & Sheppard bei Michael Jondral: Hannover trifft Old Burlington Street
Michael Jondral führt in Hannover ein Haus, das denselben Prinzipien folgt wie Anderson & Sheppard in London: Qualität als Ausgangspunkt, nicht als Argument. Handwerk als Selbstverständlichkeit, nicht als Marketing. Und eine Überzeugung, dass der gut gekleidete Mann kein Modeinteressierter sein muss – er muss nur wissen, was er will, und bereit sein, dafür zu bezahlen.
Die Entscheidung, die Haberdashery-Accessoires von Anderson & Sheppard ins Sortiment aufzunehmen, folgt derselben Logik wie die Aufnahme von Edward Green oder Carthusia: Es gibt keine bessere Alternative. Wer ein Halstuch kauft, das so gewebt ist wie die Stoffe, aus denen ein Herzog seinen Anzug schneiden ließ, kauft kein Accessoire. Er kauft eine Haltung. Die Materialien der Haberdashery – Kaschmire, Shetlands, Lambswools – sind dieselben, die in den Bespoke-Ateliers verwendet werden. Die Proportionen, die Schnitte, die Farben tragen dieselbe Handschrift wie die Anzüge in der Old Burlington Street.
Bei Michael Jondral sind die Anderson-&-Sheppard-Stücke online und im Geschäft in der Theaterstraße 13 in Hannover erhältlich. Für Kunden, die nicht nach London reisen – oder die, die es tun und wissen, dass sie denselben Standard näher an zu Hause finden können.
Häufige Fragen zu Anderson & Sheppard
Seit wann gibt es Anderson & Sheppard?
Anderson & Sheppard wurde 1906 von dem schwedischen Schneider Per Anderson in London gegründet, zunächst in den Räumlichkeiten der 13, später an der Nummer 30 der Savile Row. Per Anderson hatte zuvor bei Frederick Scholte gearbeitet, dem holländischen Schneider, der den English Drape Cut entwickelte. Heute befindet sich das Bespoke-Atelier in der 32 Old Burlington Street, wenige Schritte von der Savile Row entfernt.
Was ist der English Drape Cut?
Der English Drape Cut ist ein Schnitt, der den Körper des Trägers nicht strukturiert, sondern begleitet. Kennzeichen sind eine ungepolsterte, natürlich fallende Schulter, ein hoher Ärmelausschnitt für uneingeschränkte Beweglichkeit, Überschussweite durch Brust und Rücken sowie ein Stoff, der hängt, anstatt gespannt zu werden. Das Ergebnis ist ein Anzug, der sich beim Tragen vergessen lässt – der größtmögliche Ausdruck von Eleganz.
Wer leitet Anderson & Sheppard heute?
Seit 2004 leitet Anda Rowland, Tochter des britischen Unternehmers Roland „Tiny" Rowland, das Haus. Ihr Vater hatte Anderson & Sheppard Ende der 1970er Jahre erworben; nach seinem Tod 1998 übernahm Anda Rowland 2004 die operative Führung. Die Familie Rowland hält 80 Prozent des Unternehmens, der Rest liegt bei Schneidern und Managern des Hauses.
Was ist die Anderson & Sheppard Haberdashery?
Die Anderson & Sheppard Haberdashery in der 17 Clifford Street in London wurde 2012 von Anda Rowland eröffnet. Sie bietet Fertigware und Maßkonfektion: Kaschmirstrickwaren, Hemden, Hosen, Schals, Accessoires – alles entwickelt vom Anderson-&-Sheppard-Schneideteam und mit denselben Materialien und Proportionen wie die Bespoke-Arbeiten des Hauses. Die Haberdashery ist auch der Einstiegspunkt für Kunden, die das Haus kennenlernen wollen, ohne den Bespoke-Prozess zu beginnen.
Kann ich Anderson & Sheppard in Deutschland kaufen?
Ja. Michael Jondral in Hannover führt eine kuratierte Auswahl an Anderson-&-Sheppard-Haberdashery-Produkten – sowohl im Geschäft in der Theaterstraße 13 als auch im Onlineshop. Das Sortiment umfasst Strickwaren, Accessoires und ausgewählte Textilien des Londoner Hauses.
Wer waren die berühmtesten Kunden von Anderson & Sheppard?
Die Kundenliste von Anderson & Sheppard ist eines der längsten Register des Stils des 20. Jahrhunderts: Fred Astaire, Charlie Chaplin, Rudolph Valentino, Gary Cooper, Cary Grant, Cole Porter, George und Ira Gershwin, Laurence Olivier, Pablo Picasso, der Duke of Windsor, Marlene Dietrich, Cecil Beaton, Duke Ellington, Bryan Ferry, Tom Ford und König Charles III. – um nur einige zu nennen. Die meisten kamen durch Empfehlung bestehender Kunden.
